Ludwigskirche in Saarbrucken



Sankt Peterburg
Besuche die Menschen in ihrem Land...

Begegnungsreise in den Nordkaukasus im August/September 2008 – Karl-Willi PAUL


"Besuche die Menschen in ihrem Land,

rede mit ihnen,

du wirst vieles besser verstehen."

Der erste Teil unserer Reise der „West-Ost-Freundschaftsgesellschaft“ hatte mehr einen privaten Charakter, Karl-Willi auf dem Markt in Essentukider uns jedoch Einblicke in das ganz alltägliche Leben der Menschen ermöglicht hat. Waldemar Weirich und ich bildeten die Vorhut, Roman Sauer und Jens Bicker reisten an verschieden Tagen nach.

Die ersten drei Tage verbrachten wir bei einer Familie in Yessentuki, etwa 40 km vom Flughafen in Mineralnye Wody entfernt. Die Familie hat griechische Wurzeln, die Vorfahren sind aus der Türkei in den Kaukasus eingewandert. Zwei Generationen wohnen im eigenen Haus. Drei Tage lang wurden wir mit kaukasischen und russischen Spezialitäten verwöhnt - sprichwörtlich für die kaukasische Gastfreundschaft.

Geprägt aber waren die Tage durch stundenlange, intensive und emotionale Diskussionen über den Krieg im Kaukasus. bei den Griechen in EssentukiDie patriotischen bis hin zu nationalistisch (durch die russischen Medien, insbesondere das Fernsehen) geprägten Meinungen haben uns sehr gefordert. Interessant war festzustellen, dass unsere russischen Freunde kritiklos die Aussagen von Medwedjew und Putin übernommen hatten und offensiv vertraten. Ihre Positionen untermauerten sie zudem mit Falschinformationen (in gutem Glauben) über die Nato und den Westen (z. B.: „die Nato ist im Irak einmarschiert“). Was in den langen Diskussionen zudem deutlich wurde, dass unseren Freunden viele Informationen über die Länder in Europa und der USA fehlen, sowohl in ihren jeweiligen politischen Strukturen, wie auch über Wirtschaft und Kultur.

Für mich völlig unverständlich war ein Vorhalt, der nicht nur von ihnen kam, sondern uns auch von einem Taxifahrer und einem Polizisten gemacht wurde: „In Deutschland leben zu viele Türken“ und „Deutschland wird dadurch in absehbarer Zeit seine Identität verlieren“. Dass Deutschland Einwanderung braucht und jede/r Einwanderer/in mit ihrer jeweiligen Kultur eine Bereicherung für unsere Kultur ist, wurde weder verstanden noch akzeptiert. Wir konnten nie ergründen, wo diese Ansichten herkamen, wer sie gestreut oder was mit diesen Positionen bezweckt wird.

Der Blick auf die Steppe wahrend der Busfahrt durch das Gebiet Stavropol Wir fahren in die Steppe, mit einem Linienbus, vier Stunden nach Blagodarny. Wir werden von unserem neuen Gastgeber mit einem Kleinlaster abgeholt, fahren noch einmal eine Stunde. Immer gerade aus durch eine topfebene Steppe. In ihrer Kargheit beeindruckend. Und wieder werden wir mit einer Freundlichkeit aufgenommen, die mich auch immer etwas betroffen macht angesichts des Umgangs in Deutschland mit Fremden oder Deutschen mit Migrationshintergrund. Unser erstes Essen – Borschd und natürlich Wodka. Am nächsten Morgen wird zu unseren Ehren ein Hammel geschlachtet. Es gibt Schaschlik, Hammel, eingelegt auf saarländische Art.

Am Sonntag Nachmittag machen wir einen Spaziergang durch das Dorf und machen einige Fotos. Nach einer halben Stunde bereits werden wir von Polizei festgenommen und in einem abgedunkelten Fahrzeug und einem Begleitwagen in die 30 km entfernte Bezirkshauptstadt Arzgir gebracht. Zu Gast in SeramfimovskoeMan hält uns vor, „ein strategisch wichtiges Objekt“ fotografiert zu haben – eine Straßenkreuzung in einem abgelegenen Dorf mitten in der Steppe!

Fünf schwer bewaffnete Polizisten erwarten uns vor der Polizeistation, das große Gitter im Haus wird hinter uns geschlossen. Der Leiter der Polizeistation und anschließend sein Stellvertreter befragen uns, ein Protokoll wird erstellt – nach fünf Stunden sind wir wieder zurück. Kein Wort der Entschuldigung.

Dieses Erlebnis steht beispielhaft für das generelle Verhalten der Polizei uns gegenüber. In dem Gebiet des Kaukasus, in dem wir uns aufgehalten haben, tragen Russen keinen Bart. Ich habe einen Vollbart. Alle öffentlich ausgehängten Fahndungsplakate zeigen Männer mit Bärten. Bereits bei unserer Ankunft auf dem Flughafen in Mineralnye Wody werde ich noch im inneren Bereich kontrolliert, in den nur kommt, der vor seinem Abflug in Moskau alle Sicherheitsüberprüfungen erfolgreich überstanden hat. Strategisch wichtiges Objekt in Serafimovskoe bei Arzgir Ich werde insgesamt sechs mal überprüft. Besonders unangenehm und belastend war eine Überprüfung am Bahnhof in Mineralnye Wody. Wir waren gerade mit dem Zug angekommen, wir wollten uns die Stadt ansehen. Mein Pass wird eingezogen, ich muss alleine mit in einen Container. Drei Polizisten reden auf mich ein, ich soll meine Taschen ausleeren, ich soll meine Arme vorzeigen, ob ich Drogen spritze. Ich verstehe die Sprache nicht, sie machen sich Lustig über meine Reaktionen. Ich weigere mich und kann nur unter Schwierigkeiten Waldemar Weirich in den Container rufen und um Hilfe bitten. Erst nach einem längeren Gespräch von Waldemar mit den Polizisten bekomme ich meinen Pass zurück, wir können gehen.

Angst vor Terroranschlägen, bevorstehender Jahrestag (1. Sept. 2004) des Überfalls auf eine Schule in Beslan, aber auch Übereifrigkeit, Dummheit und Geldgier erklären für mich das Verhalten der Polizisten. Dank Waldemar Weirich, er kann sich in seiner Muttersprache unterhalten, sind alle Polizeiaktionen für mich und uns gut ausgegangen. Ein beklemmendes Gefühl wurde ich jedoch nicht wieder los. Ich kann jetzt z. B. Menschen anderer Hautfarbe verstehen, die allein wegen ihrer Hautfarbe in Deutschland einer ständigen unterschwelligen Beobachtung unterliegen – mich hat mein Bart stigmatisiert.

Der 1. September ist offizieller Schulbeginn in Russland. Die Schüler versammeln sich im Schulhof, um die Schüler der ersten Klasse zu begrüßen. Diese Feier wird „das erste Klingeln“ genannt. Eine Schülerin hat die symbolische Glocke und sie läutet mit dem ersten symbolischen Klingeln zur ersten Unterrichtsstunde. Wir bekommen die Genehmigung, an dieser Festveranstaltung teilzunehmen, dürfen aber nicht fotografieren! Alle SchülerInnen aller Klassen sind festlich gekleidet, nehmen im Schulhof Aufstellung, eingerahmt von den Eltern. Ansprachen und patriotische Lieder betonen den festlichen Anlass.

Auf dem Feld bei der Powerfrau koreanischer Abstammung Wir hatten das Glück und die Freude eine „Powerfrau“ kennen zu lernen. Unser Gastgeber nimmt uns mit auf eine Fahrt zu einem Gemüsegroßhandel – mitten in der Steppe. In Mitten von kleinen armseligen Hütten der Saisonarbeiter steht aus rohen Holzbalken mit Blechdach ein Umschlags- und Verkaufsgebäude für Gemüse.

Die Chefin, eine Russin koreanischer Abstammung begrüßt uns, lädt uns in ihren Büro- und Schlafcontainer ein und erklärt uns freundlich ihren Betrieb. Sie hat von der örtlichen Kolchose riesige Ländereien gepachtet, die sie von eigenen ArbeiterInnen bewirtschaften lässt oder sie auch weiter verpachtet. Sie baut überwiegend Zwiebeln auf ihren Feldern an. Stolz fährt sie uns mit ihrem Geländewagen auf die Felder und erklärt uns das von ihr selbst entwickelte Bewässerungssystem.

Als ihr Waldemar Weirich erzählt, wer wir sind und in welcher Mission wir im Kaukasus unterwegs sind, haben wir keine Chance mehr. Sie lädt uns zum Mittagessen in ihre Kantine ein – ihr koreanischer Koch verwöhnt uns mit asiatischen Köstlichkeiten. Drei Stunden reden wir – wir lernen eine Frau mit hohen ethischen Werten, in ihrer Religion verwurzelt, kennen, die versucht, diese auf ihren Betrieb anzuwenden und auch durch Unterstützung von Kindergärten und Schulen in der Region zum Ausdruck zu bringen. Sie begrüßt ausdrücklich die unter Putin eingeleiteten Wirtschaftsreformen in Russland und verhofft sich weitere Verbesserungen unterm dem neuen Präsidenten Medwedjew. Wir bedauerten, das gute Gespräch beenden zu müssen, aber wir hatten unseren Gastgeber schon zu lange warten lassen.

An dieser Stelle endet mein Teil des Berichtes, da ich aus privaten Gründen meine Reise abbrechen und nach Hause fliegen musste. Ich habe tolle Menschen kennen gelernt, auf einige Erlebnisse hätte ich gerne verzichtet, bedaure, dass ich die weitere Reise nicht mehr mit machen konnte.


West-Ost-Freundschaftsgesellschaft im Saarland e.V., Geranienstr. 35, D-66265 Heusweiler