Ein Beitrag von Luitwin Bies und Marianne Granz. Erschienen in der Zeitschrift "Wostok" Nr. 4 – Winter 2005.
Im Jahre 1955, fünf Tage, bevor sich der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion aufmachte, trafen sich am 04. September in Saarbrücken Männer und Frauen, um eine Gesellschaft für kulturelle Beziehungen mit der Sowjetunion zu initiieren. Die Gründung einer Gesellschaft für Freundschaft mit der Sowjetunion am 22. März 1954 war zuvor nicht genehmigt worden.
Das Saargebiet war damals noch kein Land de Bundesrepublik Deutschland. Die Abstimmung über das Saar-Statut (23. Oktober 1955) stand aber unmittelbar bevor. Das Saar-Statut war Teil der Pariser Verträge, mit denen die BRD in die NATO einbezogen werden sollte. Die Aufnahme der BRD in die NATO war bereits im Mai 1955 beschlossen worden.
Die Gesellschaft wurde also mitten in der Zeit des kalten Krieges, der Westintegration und der Konfrontationspolitik gegenüber dem Osten gegründet. Die Initiatoren waren Julius Schneider aus Sulzbach (später Geschäftsführer), Hugo Bock aus Saarbrücken (später Kassierer) und Hubert Kesternich senior aus Völklingen (später Vorsitzender).
Über die Motive gibt die Gründungsversammlung Aufschluss: „Die Erfahrungen der Geschichte lehren, dass unser Volk mit den Völkern der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken in Frieden und Freundschaft leben muss. Die Atmosphäre des Hasses und der Verständnislosigkeit gegenüber dem Osten trägt den Keim der Zerstörung in sich. Nur in der Atmosphäre des gegenseitigen Verstehens, der Verständigung und des Friedens kann unser Volk seine kulturellen, geistig schöpferischen Möglichkeiten voll entfalten und die wahre Wertschätzung aller Völker wieder erringen.“
In aller Kürze soll an die Biographien der drei Initiatoren erinnert werden, um zu verdeutlichen, dass die „Väter“ der Freundschaftsgesellschaft Männer und Frauen als Mitstreiterinnen und Mitstreiter suchen mussten, um ihren inneren Auftrag der Versöhnung und den Willen nach freundschaftlichen Beziehungen zu den Völkern der UdSSR nachhaltig umsetzen zu können.
Julius Schneider, ehemals junger Sozialist, dann Kommunist – ein Antifaschist, der in den Jahren 1933 bis 1935 gegen die Auslieferung der Saar an Hitlerdeutschland gewirkt hatte, dann illegal tätig war, bis er im Herbst 1936 nach Frankreich emigrierte und in die Reihen der Internationalen Brigaden in Spanien eintrat, an der Seite der demokratischen Republik gegen Franco, Hitler und Mussolini kämpfte, später in Frankreich in den Reihen der Résistance wirkte und nach 1945 aktiv am demokratischen Neubeginn teilnahm. Er wusste als Sozialist/Kommunist/Antifaschist, dass seit der Oktoberrevolution 1917 in Russland eine fürchterliche und verhängnisvolle Hetze gegen dieses Land betrieben wurde, dass Antikommunismus für den Krieg nach innen, gegen die Arbeiterbewegung im eigenen Lande, dass Antisowjetismus zur Vorbereitung des Krieges betrieben wurde. Seine Erfahrungen als Antifaschist besagten, dass man im eigenen Interesse und für die gemeinsamen Friedensinteressen dagegen angehen müsse. Deshalb warb er dafür, Feindbilder abzubauen, indem sich die Menschen persönlich kennen lernen, Informationen über das Leben und die Lebensziele ausgetauscht werden und durch die gegenseitige Kenntnis von Kultur und Wissenschaft zwischen den Völkern ein geistig-kulturelles Verständnis aufgebaut wird.
Dem Tiefbauingenieur und Bauunternehmer Hugo Bock, Kenner und Liebhaber russischer und sowjetischer Literatur und Musik, war der Austausch des humanistischen Erbes und zeitgenössischer Werke ein besonderes Anliegen. Wer Zugang zu Literatur, Musik, Theater, bildender Kunst fand, dem erschloss sich ein weiter Bereich zur Ergründung von Haltungen oder auch zu Veränderungen. Gegenseitiges Geben und Nehmen sollte die beiderseitigen Kulturen und so auch die Menschen bereichern. In der damaligen Saarbrücker Kulturszene ebenso wie in Wirtschaftskreisen, wollte Hugo Bock seine Einflussmöglichkeiten in die Tätigkeit der Gesellschaft einbringen.
Hubert Kesternich sen., Dreher, hatte Arbeitsdienst und Militär „durchlaufen“. Das unmittelbare Erfahren des Krieges, den Hitlerdeutschland über die Sowjetunion gebracht hatte, bestimmte sein Handeln. Er kämpfte dafür, dass nie wieder von Deutschland aus ein Krieg gegen die Sowjetunion ausgehen dürfte. Er überzeugte viele davon, dass man nicht tatenlos zusehen darf, was „in der großen Politik“ beschlossen würde, um sich damit zu rechtfertigen, dass man ja als einzelner nichts bewirken könne. Er rief leidenschaftlich dazu auf, sich engagieren, sich für Verständigung statt Konfrontation einzusetzen.
Verständigungsarbeit für den Frieden – das war die Motivation, die Frauen und Männer unterschiedlichster politischer Ausrichtungen und sozialer Herkunft zusammengeführt hatte.
Die internationale Politik aber war in diesem Jahrzehnt durch fortwährende Spannungen in den Beziehungen zur UdSSR geprägt. Es existierte kein Vertrag, in dem die Grundfragen des Verhältnisses zwischen den Staaten geklärt und geregelt worden wären. Ein Handelsabkommen wurde erst später vereinbart, ein Kulturabkommen gar nicht.
In den ersten Jahren, in denen es mehr Desinformationen als sachliche Information über die Sowjetunion gab, entfaltete die Gesellschaft eine rege Tätigkeit. Sie fand im Verband der sowjetischen Gesellschaft für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland (WOKS), später Verband sowjetischer Gesellschaften für Freundschaft und kulturelle Verbindungen mit dem Ausland (SSOD), eine aufgeschlossene Partnerorganisation. Die Parteien in Deutschland ebenso wie das Auswärtige Amt waren nicht sehr kooperativ, sondern ließen die Gesellschaft in allen Bereichen ihr Misstrauen spüren.
Doch die internationale Autorität des Antifaschisten Julius Schneider und seiner Freunde ermöglichte die Kontaktaufnahme und den späteren Erfahrungsaustausch mit den Partnergesellschaften France-URSS, Luxembourg-URSS, Les Amitiés Belgo-Sovietiques und der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft der DDR.
Das Programm der Gesellschaft bis 1970
Die Gesellschaft organisierte unzählige kleinere und größere Veranstaltungen in vielen Orten des Saarlandes: Filmabende, Diavorträge, Reiseberichte, erste Begegnungen mit Sowjetbürgern, die unser Land besuchten. Ausstellungen wurden organisiert, sowjetische Schriftsteller und Komponisten einem großen Publikum im Saarland vorgestellt. Informationsschriften und eine eigene Mitgliederzeitung ergänzten das Aufklärungsangebot.
In diese Jahre fielen auch die ersten Reisen der Vorstandsmitglieder Julius Schneider, Hubert Kesternich und Hugo Bock in die Sowjetunion. Die Kunstmaler Franz Schnei und Albert Bohn waren die ersten Repräsentanten, die das Saarland und unsere Gesellschaft in der UdSSR in künstlerischen Zirkeln verstellten, und die danach verstärkt dazu beitrugen, die Kunst der Sowjetunion in unserem Land bekannter zu machen.
Beginnende Entspannung: 1970 bis 1985
Als im Jahr 1970 die internationale und die europäische Kräftekonstellation zur Unterzeichung des Moskauer Vertrages führten, begann die eigentliche „Normalisierung der Lage in Europa“. Nun wurde betont, „Streitfragen ausschließlich mit friedlichen Mitteln“ zu lösen und sich „der Drohung mit Gewalt oder der Anwendung von Gewalt zu enthalten“.
Die politisch Verantwortlichen stimmten „in der Erkenntnis überein, dass der Frieden in Europa nur erhalten werden kann, wenn niemand die gegenwärtigen Grenzen antastet“, heißt es im Vertrag vom 12.10.1970.
Der Moskauer Vertrag war die Basis für die weiteren Ostverträge….
Für unsere Gesellschaft waren dies Jahre einer starken Politisierung wie auch der Offnung in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche. Viele wollten sich engagieren und zeigten dies auch öffentlich. Unsere Gesellschaft wurde als eine Gesellschaft wahrgenommen, die sich um die Unterstützung für die Ratifizierung des Vertrages einsetzte wie sie sich auch um den Abbau von Polarisierungen bemühte. Periodisch wiederkehrend musste unser Engagement gerechtfertigt werden, sogar in parlamentarischen Debatten, ob es erlaubt und demokratisch war, was wir laut dachten und an Zielen formulierten oder an Veranstaltungen anboten.
Nach der Ratifizierung des Moskauer Vertrages sah unsere Gesellschaft ihre Aufgabe nicht nur in der Gestaltung eines intensiveren Austausches. Sie sah die Möglichkeit, ihren Namen und ihre innere Struktur gewissermaßen auszuweiten. Der Name wurde geändert in „Gesellschaft BRD – UdSSR im Saarland e.V.“.
Dies spiegelte sich auch in den gewählten Vorständen wider: hier fanden sich Frauen und Männer unterschiedlicher weltanschaulicher und politischer Standorte zusammen, die alle geprägt waren von dem Grundgedanken der Entwicklung friedlicher Beziehungen zwischen den Staaten und den Bürgern der Staaten.
Da gab und gibt es bei uns überaus differenzierte Standpunkte, die vom Interesse an rein sachlichen Beziehungen über Fachinteressen bis hin zu Freundschaftsbeziehungen reichen.
Die satzungsmäßig festgelegte Unabhängigkeit von politischen Parteien und staatlichen Institutionen sichert bis heute allen Mitgliedern und Interessenten die Möglichkeit sachlicher und kollegialer Mit- und Zusammenarbeit.
In den kulturellen Beziehungen hatte unsere Gesellschaft schon zuvor erhebliche Schrittmacherdienste geleistet. Und die Anregung zum Theateraustausch kam ebenfalls aus unseren Reihen. Hermann Wedekind, bis 1987 Generalintendant des saarländischen Staatstheaters, der sich schon mit verschiedenen Inszenierungen sowjetischer Stücke am Staatstheater auch in der Sowjetunion einen Namen gemacht hatte, wurde die Bekanntschaft mit dem damaligen Leiter der Kulturabteilung der sowjetischen Botschaft in Bonn Botschaftsrat Kossarew vermittelt, wonach auch eine Einladung in die UdSSR erfolgte.
Hermann Wedekind ergriff und entwickelte dann zusammen mit dem Saarländischen Staatstheater Saarbrücken Initiativen, die nicht nur zu einem intensiven Theateraustausch führten, sondern eine feste Kooperation der Theater begründeten.
Die von uns organisierten und vermittelten Treffen und Begegnungen, verbunden mit dem, was sich auf der Theaterebene entwickelte, schufen die Basis für die Städtepartnerschaft zwischen Tbilissi und Saarbrücken.
Am 22.03.1975 wurde ein unbefristeter Freundschaftsvertrag zwischen den beiden Städten unterzeichnet. Ziel des Vertrages ist bis heute die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen in der Absicht, einen Beitrag zur Festigung des Friedens in der ganzen Welt zu leisten. Die Freundschaft müsse trotz der großen Entfernung auf möglichst breiter Ebene wirksam gemacht werden. Dieser Satz wurde Verpflichtung für das Engagement unserer Gesellschaft innerhalb dieser Partnerschaftsbeziehung.
Das dynamische Engagement der damaligen Rathausspitze Lafontaine/Koebnick bewirkte eine Aufbruchstimmung und ein gelebtes Engagement so vieler Personen und Institutionen über unsere Gesellschaft hinaus, dass man bis heute darüber staunen kann. Damit war und ist gesichert, dass der Partnerschaftsvertrag nicht lediglich unterzeichnet, sondern mit Leben erfüllt wurde und wird. Es entstand eine Partnerschaft, eine Brücke der Verständigung und der Freundschaft, die ungeachtet politisch kriegerischer Zeiten in Georgien bis in die heutigen Tage hinein trägt. Inzwischen sind Tausende unserer Landsleute daran beteiligt gewesen.
In jenen Jahren waren Josef Herrmann und dann Gerhard Schulz als Vorsitzende unserer Gesellschaft aktiv. Uns war bewusst, dass es in der Entwicklung der Beziehungen keine Stagnation geben durfte. Deshalb organisierten wir weiter Vorträge, Begegnungen, waren bestrebt, neue Partner zu gewinnen und unsere Anliegen der Offentlichkeit nahe zu bringen. Wir veranstalteten ein Kolloquium zur Europäischen Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Und wir ließen uns nicht dadurch entmutigen, dass manche Medien ihre Probleme damit hatten, uns und unsere Aktivitäten zur Kenntnis zu nehmen.
Auch die damalige Regierung des Saarlandes unter Ministerpräsident Dr. Franz Josef Röder zeigte sich nicht nur an den sich entwickelnden Beziehungen interessiert, sondern förderte auch so manches Projekt in diesem Verständigungswerk. Von den überragenden Ereignissen seien die Theaterwochen in Saarbrücken und Tbilissi und auch unsere „Georgische Woche“ (1977), die „Tage der Sowjetunion im Saarland“ (1979) und die „Georgische Woche“ (1983) hervorgehoben. Uber Saarbrücken hinaus beteiligten sich daran mehrere Städte und Institutionen. Wir machten mit Foto- und Grafikausstellungen unter dem Thema „Das Saarland – ein Land der BRD“ die Offentlichkeit in Moskau (1971), Kiew (1976), Tbilissi (1976), Jerewan (1977), Baku (1978), Riga und Duschanbe (1979), Tbilissi (1981) und Jakutsk (1984) mit dem Saarland bekannt.
Chronik einer Freundschaft – 1985 bis 2005. Neuformierung unserer Gesellschaft nach 1991.
Mit Oskar Lafontaine wurde 1985 eine Persönlichkeit Ministerpräsident des Saarlandes, der der Abbau von Spannungen, die Suche nach Wegen der Verständigung zwischen den Blöcken ein besonderes Anliegen war und noch immer ist, eine logische Folge oder Ergänzung seines Engagements in der Friedensbewegung der 80-er Jahre.
Eine Krönung der gewachsenen vertrauensvollen Beziehungen wurde 1987 während der „Tage Georgiens im Saarland“ erreicht, als eine gemeinsame Partnerschaftserklärung von den Ministerpräsidenten Georgiens und des Saarlandes unterzeichnet wurde. Kooperationsverträge zwischen gesellschaftlich meinungsbildenden Institutionen untermauern die gemeinsamen Anliegen. Als Beispiele sind zu nennen: Rundfunk- und Fernsehanstalten des Saarlandes und Georgiens, Universitäten, Kirchen, Sportverbände, kulturelle Verbände, Landesjugendorganisationen, Schulen, das Katasterprojekt der Stadt Saarbrücken, der Abfallverband, Gewerkschaften sowie ganz private Initiativen. Unsere Gesellschaft beteiligte sich am Austausch offizieller Delegationen und künstlerischer Programme, von Vortrags- und Informationsreihen. Touristenreisen in beide Richtungen wurden organisiert, und der Schüler- und Jugendaustausch konnte von der Gesellschaft aktiv begleitet werden.
Unser Präsident Hajo Hoffmann betont in seinem Vorwort zur „Chronik einer Freundschaft“ 1996: „Die Städte- und Länderpartnerschaft zwischen Saarbrücken und Tbilissi beziehungsweise dem Saarland und Georgien ist eine Bürgerpartnerschaft, in der die vielfältigen Kontakte zwischen einzelnen Bürgern, Familien, Vereinen, Verbänden und Organisationen im Mittelpunkt stehen. Partnerschaften wie diese leben vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Die beispielhafte Hilfsbereitschaft der vielen Saarländerinnen und Saarländer während des Bürgerkrieges in Georgien haben die Lebendigkeit dieser Partnerschaft eindrucksvoll bestätigt.“
Was wir bedauern, ist, dass die Regierungen beider Länder seit 1999 keinen aktiven Nutzen mehr aus der Länderpartnerschaft ziehen. Hier bleibt zu wünschen, dass sich bald neue Impulse zeigen, wie sie sich so positiv aus der Städtepartnerschaft heraus weiterentwickeln.
Zum Ereignis der 20-jährigen Partnerschaft zwischen Saarbrücken und Tbilissi und der 10-jährigen Partnerschaft zwischen dem Saarland und Georgien wurde von Tamas Gwenetadse die „Chronik einer Freundschaft“ erstellt, die wir immer noch für nachlesenswert halten.
Seit 1989 ist Vorsitzende der heutigen West-Ost-Freundschaftsgesellschaft Marianne Granz, Mitglied des Saarländischen Landtages von 1975 bis 1994 und Ministerin in Lafontaine-Kabinetten von 1990 bis 1996, und Hajo Hoffmann ist Präsident unserer Gesellschaft, Mitglied des Bundestages von 1976 bis 1985, Wirtschaftsminister im Kabinett Lafontaine 1985 bis 1990, Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken von 1991 bis 2004.
Beide stehen für das uneingeschränkte, vielfältige Engagement zu Georgien und zu Tbilissi, beide haben auch zusammen mit den Frauen und Männern des Gesamtvorstandes den Umgestaltungsprozess und dann den am 22. Dezember 1991 in Alma-Ata besiegelten Auflösungsbeschluss der Sowjetunion in Veranstaltungen zum Thema gemacht.
Zunächst faszinierte der inhaltliche Prozess in der Sowjetunion mit den Begriffen Glasnost und Perestroika – Transparenz und Demokratisierung. Das Ergebnis des angekündigten Umbaus der Gesellschaft, nämlich die Auflösung der Sowjetunion, wurde dann in mehreren Veranstaltungen, auch kontrovers, aufgearbeitet. Die Politik Boris Jelzins wurde kritisch gewürdigt, in Georgien zunächst die Politik Swiad Gamsachurdias und dann Eduard Schewardnadses, des ehemaligen Außenministers der UdSSR, in den viele, auch westliche Staatsoberhäupter, große Hoffnungen setzten. Aus der anfänglichen Begeisterung wuchsen schnell Skepsis und Besorgnis. Kriegerische Auseinandersetzungen, soziale Katastrophen und wirtschaftliche Missentwicklungen als negative Folgen veranlassten nicht wenige Mitglieder, ihre Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft zu kündigen.
Durch Namens- und Satzungsänderung machten wir deutlich, dass wir uns den veränderten Herausforderungen stellten und dass unsere Arbeit nicht überflüssig geworden war. Vielen Freunden, die wir im Laufe der Jahrzehnte international gewonnen hatten, wollten wir durch unsere Weiterarbeit neuen Mut machen.
West-Ost-Freundschaftsgesellschaft im Saarland
Unsere Jahresprogramme seit 1992 wurden deshalb auf mehreren Säulen geplant:
Humanitäre Hilfe für Menschen, Informationsveranstaltungen zum Politik, Umwelt, wirtschaftlichen Entwicklungen in den neuen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Diaabende, kulturelle Begegnungen und Austausche verschiedener Berufsgruppen, stärkere Zusammenarbeit mit anderen Institutionen.
So beteiligten wir uns an umfangreichen Solidaritätsaktionen, die viele Flugzeugladungen und Lkw-Konvois mit Lebensmitteln, Arzneimitteln, Kleidung und ähnlichem nach Georgien, in die Ukraine und nach Russland brachten.
In Moskau verschwand nach 1991 die sowjetische Gesellschaft für Freundschaft und kulturelle Verbindungen mit dem Ausland und damit der dortige Partnerverband, in Georgien verschwand GODIKS, die georgische Freundschaftsgesellschaft. Wir ließen aber nicht nach, und während einer „Erkundungs-Expedition“ in Tbilissi entstand schließlich die „Assoziation Freunde des Saarlandes“ mit den ehemaligen Spitzenpolitikern der Stadt Boris Saralidse und Nikolai Nefedow. Die Germanistin Leila Sadradse ergänzte die Führungsspitze.
Dann initiierten wir den Schüleraustausch, der durch die instabile Lage in Georgien allerdings nur sehr einseitig organisiert und durchgeführt werden konnte. Einige Jahre kamen georgische Schüler für mehrmonatige Aufenthalte in saarländische Familien und zu Schulbesuchen an die Saar. Es ging uns darum, jungen Georgiern beim Erlernen der deutschen Sprache und dem Kennenlernen unserer Lebensweise zu helfen und über diesen Weg auch neue Freunde für die Beziehungen zwischen unseren Ländern zu gewinnen. Dazu hatten wir mit der Deutsch-Georgischen Gesellschaft im Saarland kooperiert. Später entwickelten sich daraus ein eigener Verein und eine Elterninitiative, die nach wie vor die Aufnahme georgischer Schüler in saarländische Familien vermitteln.
In jenen Jahren boten wir mehrere Ausstellungen georgischer Malerinnen und Maler an, die wir für Saarbrücken gewinnen konnten. Sosso Kojawa, Lulu Dadiani, Loretta Schengelia, Dinara Nodia und manche jüngere Künstlerinnen und Künstler konnten hier ihre Werke zeigen und verkaufen.
Bei der Vortragstätigkeit waren wir bemüht, durch Fachleute neuere und manche veränderten Einsichten in die Probleme von Land und Leuten im Osten zu erhalten. Dabei kooperierten wir mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und er Stiftung Demokratie Saarland, die uns mit ihren Mitteln und Möglichkeiten sehr halfen. Uber „Beutekunst“ ließen wir uns informieren, über die Situation im Kaukasus und das Verhältnis Georgien-Russland, über neue Sichten auf die Geschichte und die Geschichtswissenschaft Russlands.
Es referierten der Bundestagsabgeordnete Gernot Erler, Dr. Martin Hoffmann vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, Prof. Dr. Horst Schützler von der Berliner Gesellschaft für Freunde Russlands und andere Experten.
Als im Saarland das Musikfestival 2003 mit dem Schwerpunkt Russland stattfand, baten wir Prof. Michail Dotlibow zu Vorträgen über Tschaikowski, Glinka und Schostakovitsch.
Höhepunkte waren unsere Festveranstaltungen anlässlich des 30. und des 40. Jahrestages unserer Gründung. Der damalige Bundestagsabgeordnete Hajo Hoffmann begeisterte 1985 nicht nur die Mitglieder und Gäste unserer Gesellschaft mit seinen Thesen zur Abrüstung, die er in Anwesenheit des sowjetischen Botschafters Wladimir Semjonow vortrug, er stach mit ihnen gewissermaßen in das Wespennest konservativer Beharrer im kalten Krieg.
Zum 40. Geburtstag zog dann Reinhard Klimmt, damals SPD-Fraktionsvorsitzender im Saarländischen Landtag (später Ministerpräsident des Saarlandes und Bundesminister), eine Bilanz im Hinblick auf die neue Lage in Europa und mit Blick auf die deutsch-russischen und die deutsch-georgischen Beziehungen.
Wir waren im Laufe der Tätigkeit unserer Gesellschaft immer darauf bedacht, bei gleichartigen Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland mitzumachen und uns einzubringen. So waren wir Gründungsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft deutscher Ostgesellschaften (ARGE) mit Sitz in Dortmund und später bei der Gründung des Bundesverbandes deutscher West-Ost-Gesellschaften dabei.
Leider wurde die Arbeitsgemeinschaft deutsch-georgischer Gesellschaften, die wir aktiv unterstützten, nie richtig lebensfähig. Die Interessen waren einseitig auf finanzielle Unterstützung gerichtet. Doch genau diese konnte nicht geleistet werden, weil es von offizieller Seite keine Zuschüsse gab. Wer will schon teilen, wenn es nichts zu verteilen gibt, als zogen sich die Gesellschaften auf ihre eigenen Schwerpunkte zurück.
Die Zukunft der Gesellschaft
Zu unserem 50. Geburtstag stellen sich neue Fragen, zuerst die an uns selbst, wie es weitergehen soll. Sind Freundschaftsgesellschaften heute noch notwendig? Wer wird die Arbeit leisten wollen?
Ein „Generationenwechsel“ steht an. Es ist zu wünschen, dass unsere jüngeren Mitglieder den im Jahre 1955 begonnen Weg weitergehen möchten, die Arbeit fortsetzen und neue Freunde im Osten suchen und finden. In Georgien gab es die Rosenrevolution, eine neue Regierung, eine enorme Verjüngung der Verantwortlichen. Wie arbeiten wir in Zukunft zusammen?
Die heutige georgische Botschafterin in Deutschland Dr. Maja Pandschikidse hat als Abiturientin ihre persönlichen Kontakte zu uns im Saarland aufbauen können. Werden auch diese Verbindungen für die neuen Aktivitäten tragen?
Zu unserem Jubiläum werden wir zusammen mit der Stiftung Demokratie das Kolloquium "West-Ost-Beziehungen – Kontinuität und Brüche“ durchführen, auf dem wir auch diesen Fragen nachgehen werden.
Zuletzt möchten wir auf diesem Wege Dank sagen, herzlichen Dank für die Treue und die Mitwirkung unserer Mitglieder, Dank allen Persönlichkeiten und Institutionen, die uns und unsere Projekte nachhaltig unterstützten.
Dr. Luitwin Bies, Marianne Granz, Saarbrücken
Erschienen in der Zeitschrift Wostok Nr. 4 – Winter 2005
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